Orchideenstudium Translationswissenschaft
Viele unbekannte Studienrichtungen werden oft als "Orchideenstudium" und damit als unbedeutend angesehen. Doch meistens sind sie für gewisse Berufe unverzichtbar. Daher widmet studiKURIER ihnen eine Serie. Im ersten Teil stellen wir die Translationswissenschaft vor.
60 Prozent der Erstinskribienten nutzen nur zehn Prozent der insgesamt 400
Studienmöglichkeiten an Universitäten und Fachhochschulen. Ein großer Teil der
restlichen 90 Prozent sind eher unbekannt und wurden vom ehemaligen
Finanzminister Karl Heinz Grasser als unbedeutende "Orchideenstudien"
bezeichnet.
studiKURIER widmet diesen Studien eine eigene Serie, um zu
zeigen, dass sie für gewisse Berufe eine wichtige Voraussetzung sind. Der erste
Teil widmet sich dem Studium der Translationswissenschaften, das beispielsweise
für die Europäische Union (EU) unverzichtbare Dolmetscher
ausbildet.
Leopold Decloedt ist ein aus Belgien stammender Germanist und
Geschäftsführer der Übersetzungs- und Dolmetscheragentur
"Connect-Sprachenservice". Er ist auf das Übersetzen vom Niederländischen ins
Deutsche spezialisiert und hat 14 Jahre an der Universität Wien "Niederländisch"
gelehrt. Beim "Connect-Sprachenservice" arbeiten 300 freie Mitarbeiter, die in
100 Sprachen übersetzen. StudiKURIER hat ihn über den Beruf eines Übersetzers
und den Weg dorthin befragt.
Wie wird man zum Übersetzer beziehungsweise
Dolmetscher?
Dazu braucht man eine angemessene Ausbildung. Es gibt
in Wien zum Beispiel ein eigenes Zentrum für Translationswissenschaften, wo man
zum Übersetzer oder Dolmetscher ausgebildet wird. Mir ist allerdings
aufgefallen, dass dieses Studium ein bisschen zu theoretisch angelegt ist.
Ich bin der Meinung, dass Übersetzen und Dolmetschen keine reine
Wissenschaft, sondern auch ein Handwerk ist und das muss man lernen. Denn das
Wichtigste für den Beruf des Übersetzers ist es, die Techniken zu lernen und das
ist eine Sache der Übung.
Leopold Decloedt
findet: Übersetzen und Dolmetschen ist ein Handwerk.
Was sagen Sie dazu, dass manche das Studium der
Translationswissenschaft als ein „Orchideenstudium“ ansehen?
Das
Problem mit dem Übersetzungs- und Dolmetscherstudium ist, dass es unterschätzt
wird. Übersetzer und Dolmetscher sind Diener. Man steht nie im Vordergrund,
sondern immer im Hintergrund. Dementsprechend ist es so mit dem Studium - das
wird nicht wirklich gezeigt. Viele Menschen denken dann: "Das ist ein
Orchideenfach. Dolmetscher gibt es zwar, aber sie sind ja nicht so
wichtig."
Übersetzer werden aber immer wichtiger und es ist schade, dass
nicht bekannter ist, was man mit diesem Studium machen kann. Die EU lebt
beispielsweise von Übersetzern. Unsere Gesellschaft wird immer multikultureller
und es wird mehr Konflikte geben, weil die Menschen nicht die Sprachen können.
Hierbei werden Sprachmediatoren oder Übersetzer umso wichtiger.
Gibt es viele, die Übersetzer werden wollen?
Es sind oft
die Falschen, die das machen wollen. Es passiert oft, dass einer sich nun
entscheidet, Sprachen zu studieren, weil er Mathe nicht kann. Im
Dolmetscher-Institut habe ich auch manchmal das Gefühl, dass da oft Leute der
zweiten Generation drinnen sind, die zu Hause zwei Sprachen sprechen und
glauben, sie können nun dolmetschen. Aber so funktioniert es nicht, denn auch
diese zwei Sprachen muss man lernen. Wenn man zweisprachig ist, heißt es noch
lange nicht, dass man übersetzen oder dolmetschen kann.
Haben Menschen, die zweisprachig aufgewachsen sind, hier einen
Vorteil oder kann jemand, der die Sprache neu lernt, noch
aufholen?
Der kann das aufholen. Ich glaube, dass es sowohl ein
Vorteil, aber auch ein Nachteil sein kann. Wenn man zweisprachig aufwächst ist
es oft so, dass das Niveau einer Sprache nicht dasselbe ist, wie das von der
Sprache, in der man ausgebildet wird. Es ist dann manchmal sehr schwierig, den
inneren Schweinehund zu überwinden und die andere Sprache auch noch perfekt zu
lernen. Wenn man also eine gute Ausbildung hat und auch noch Talent mitbringt
ist es egal, ob man nun zweisprachig aufgewachsen ist oder nicht.
Welche Anforderungen muss ein guter Übersetzer also
erfüllen?
Ein guter Übersetzer oder Dolmetscher muss beide Sprachen
gut beherrschen, besonders auch die Muttersprache. Es ist zu empfehlen, dass er
mindestens ein Jahr im Ausland verbringt und dort an einer Fachhochschule für
Übersetzen studiert. Das ist wichtig, damit er auch die andere Sprache so kann,
also ob sie seine Muttersprache ist. Außerdem braucht man ein großes
Allgemeinwissen und die Studenten sollten lernen, wie sie mit Technologien, wie
zum Beispiel einer Übersetzersoftware, umgehen. Gut wäre allerdings auch ein
Fachgebiet.
Wozu braucht man ein Fachgebiet?
Der ideale Übersetzer
ist eigentlich einer, der eine tolle Übersetzerausbildung hat und nebenbei noch
zwei Jahre Jus, Wirtschaft oder Sonstiges studiert hat. Ich kann jemanden
beispielsweise, der Übersetzer und Ingenieur ist, auch eine Anleitung eines
Atomkraftwerkes geben. Der wird dann genau wissen worum es geht. Das sind dann
die Besten. Denn wenn man das kann, dann ist der Kunde doppelt zufrieden.
Auf welche Probleme kann man bei der Ausbildung zum Übersetzer
stoßen?
Es scheitert meistens schon an den Kenntnissen der
Muttersprache. Man lernt auch hier in Wien viel zu wenig Muttersprache. Man
müsste eigentlich zwei Jahre Deutsch lernen, denn wenn man die eigene
Muttersprache schon nicht kann, dann geht es nie.
Ist ihnen Erfahrung wichtig, wenn sie junge Leute
anstellen?
Oft ist es Vorraussetzung, dass man schon mindestens zwei
Jahre als Übersetzer gearbeitet haben muss. Ich glaube aber, dass man auch junge
Menschen arbeiten lassen soll, denn irgendwo müssen die jungen Leute die
Erfahrung ja sammeln.
Wir haben da zum Besipiel eine Checkliste, an die
man sich halten kann, und immer einen Zweiten, der noch mal über den Text drüber
liest. So kann man auch jungen Leuten eine Chance geben.
Was gehört zu den Aufgaben eines Übersetzers?
Bei uns in
der Agentur übersetzen wir zum Beispiel Anleitungen, Briefe, Verträge, Tattoos
oder PR-Texte. Es gibt aber auch beglaubigte Übersetzungen oder
Scheidungsurteile. Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal sind es traurige
Sachen, manchmal interessante Sachen, wie zum Beispiel das Übersetzen von
Hochzeiten.
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Dolmetschen und
Übersetzen?
Übersetzer können meistens nicht dolmetschen,
Dolmetscher können aber meistens übersetzen. Das hat mit der Ausbildung zu tun.
An der Uni wird man zunächst mal Übersetzer und dann spezialisiert man sich aufs
Dolmetschen. Der größte Unterschied dabei ist, dass ein Übersetzer schriftlich
übersetzt, während ein Dolmetscher von einer Sprache in die andere mündlich
überträgt.
Hier unterscheidet man auch zwischen Simultan- und
Konsekutivdolmetschen. Beim Konsekutivdolmetschen wartet der Übersetzer bis die
Person fertig gesprochen hat, schreibt eventuell mit und übersetzt es dann.
Simultandolmetschen ist hingegen die Königsdisziplin, denn hier erfolgt die
Übersetzung gleichzeitig. Das ist natürlich sehr schwierig, weil manche Leute
zum Beispiel nuscheln oder in „kilometerlangen“ Sätzen reden.
Zentrum für Translationswissenschaft an der Uni Wien
Übersetzer- und Dolmetscheragentur: Connect Sprachenservice
Autor: Teresa Pöttinger, zuletzt geändert: 30.11.2009 23:30

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sesigirl
Studiere/Interessiere mich für:
Journalismus & Medienmanagement (M), Rechtswissenschaften (DS)
Geburtsdatum:
12.08.1985
Mein Motto:
Man trifft sich immer zweimal im Leben.
01.12.2009 00:43
Ich fand auch, dass es interessant war. Ich finde Dolmetschen ja auch irrsinnig spannend. Wenn man sich vorstellt dass sich ja die mächtigsten Politiker auf Übersetzer verlassen und das teilweise darum gehen kann ob man nun Krieg führt oder nicht, ob man die Milliarde nun investiert oder nicht......
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alexlehner
Studiere/Interessiere mich für:
Journalismus und Medienmanagement (B), Politikwissenschaft (B)
Geburtsdatum:
05.06.1986
Mein Motto:
Sin tele ni cerveza Homer pierde la cabeza!
30.11.2009 23:15
Tolles Interview! Hab größten Respekt vor Übersetzern und Dolmetschern (vor allem jenen, die es simultan machen). Hab das Interview schon einer Freundin weiterempfohlen, die an der Translations-Uni studiert.
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