Pro & Contra verschiedener Pricing-Methoden

Verrechne ich nach Wort oder nach Zeile? Diese Fragen stellen sich viele ÜbersetzerInnen immer wieder. Edith Vanghelof und Leopold Decloedt, zwei Übersetzungs-Profis mit langjähriger Erfahrung, erklären im WORTreich Interview, warum sie welche Methode verwenden.


Welche Methode bevorzugen Sie persönlich und warum? Welche Methode verwenden Sie im Umgang mit Ihren KundInnen?

 

  • Edith Vanghelof: Ich habe keine besondere Bevorzugung und berechne grundsätzlich entweder nach Zeile (Normzeile mit 55 Anschlägen pro Zeile), Pauschale oder nach Zeitaufwand. Die letzte Methode verwende ich vor allem bei Aufträgen und Arbeiten, bei denen es sich nicht konkret um Übersetzungen handelt.

 

  • Leopold Decloedt: Ich bin ein absoluter Fan der Berechnung nach der Wortanzahl in der Ausgangssprache. Es ist die einzige Möglichkeit, ein transparentes und nachvollziehbares Angebot zu legen.  Es ist für die KundInnen von Anfang an klar, was sie für die Übersetzung bezahlen. Auf diese Weise können die KundInnen ihr Budget für Übersetzungen besser kalkulieren. Ich vergleiche das immer mit dem Einkauf im Supermarkt. Dort will ich schon am Regal erfahren, was die Produkte kosten und nicht erst an der Kassa. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Art der Berechnung mit dem Einsatz von CAT-Tools „kompatibel“ ist. Bei der Analyse der zu übersetzenden Texte wird dort ja grundsätzlich von der Zahl der Wörter in der Ausgangssprache ausgegangen.


In welchen Ländern, in denen Sie arbeiten, wird der Wortpreis, in welchen der Zeilenpreis bevorzugt?

 

  • Edith Vanghelof: In Österreich ist die Verrechnung nach Zeile Standard.

 

  • Leopold Decloedt: In Österreich, Deutschland und Belgien wird meines Wissens noch von sehr vielen ÜbersetzerInnen und Übersetzungsbüros mit dem Zeilenpreis gearbeitet. Das ändert sich jedoch allmählich. Immer mehr ÜbersetzerInnen bieten Preise pro Zeile in der Zielsprache und Preise pro Wort in der Ausgangssprache an. In Tschechien und in der Slowakei zum Beispiel gibt es noch ein ganz anderes System: Dort ist die kleinste Einheit eine Seite mit 1800 Anschlägen.


Treten KundInnen mit eigenen Vorstellungen über die Verrechnung an Sie heran oder verrechnen Sie nach persönlichem Vorzug? Wie reagieren Sie auf Anfragen bezüglich einer Verrechnungsart, die von Ihrer Standardverrechnung abweicht?

 

  • Edith Vanghelof: Das kommt natürlich sehr auf die einzelnen KundInnen an. Die meisten möchten im Vorhinein wissen, was sie die Übersetzung kosten wird. Nach Wort verrechne ich gar nicht, wenn KundInnen mit der Verrechnung nach Zeile nichts anfangen können, stelle ich in der Regel eine Pauschale in Rechnung. Manchmal vergleiche ich natürlich auch die einzelnen Verrechnungsarten und einige mich schließlich mit meinen KundInnen.

 

  • Leopold Decloedt: Bis vor einigen Jahren haben wir unsere Übersetzungsdienstleistungen auch noch nach Zeilenpreis berechnet. Als wir uns dann entschlossen haben, auf das System mit Wörtern umzusteigen, wurde dies von unseren KundInnen sehr positiv aufgenommen. Sie haben sich darüber gefreut, dass schon vor Arbeitsbeginn deutlich war, was die Übersetzung kostet. Nur vereinzelt kommt es noch vor, dass KundInnen die Verrechnung nach einem Zeilenpreis in der Zielsprache verlangen. Das hat dann nur noch den Zweck, unsere Preise mit denen der MitbewerberInnen zu vergleichen. Den KundInnen ist es im Prinzip egal, wie der Preis berechnet wird – sie wollen vor Arbeitsbeginn wissen, was sie zahlen müssen. 


Welche Programme verwenden Sie, um die Basis Ihrer Verrechnung zu errechnen?

 

  • Edith Vanghelof: Normalerweise verwende ich die Wörterzähl-Funktion in Word, da die meisten Texte, mit denen ich arbeite, in diesem Format vorliegen. Ich arbeite aber auch mit den Zählfunktionen von Wordfast oder Trados und kontrolliere meistens mit dem jeweils anderen Programm. Spezielle Programme und Tools zum Wörterzählen halte ich auch für sinnvoll, hatte aber leider noch keine Zeit, mich eingehend damit zu beschäftigen.

 

  • Leopold Decloedt: In der Regel verwenden wir Trados. Es gibt natürlich auch noch viele andere Programme wie MemoQ, Transit etc., mit denen die Texte analysiert werden können. Für kleinere Texte reicht es auch völlig aus, sich die Statistik in Word anzuschauen.


Welche Methode wird Ihrer Meinung nach in Österreich häufiger verwendet? Gibt es dafür Ihrer Meinung nach einen bestimmten Grund?

 

  • Edith Vanghelof: Ich denke, dass in Österreich meist nach Zeile verrechnet wird, da es im deutschsprachigen Raum, also in Deutschland, Österreich und der Schweiz, eine entsprechende Tradition gibt und diese Art der Verrechnung auch von den Berufsverbänden in den einzelnen Ländern empfohlen wird. Im Gegensatz dazu wird z.B. in den USA oder in Großbritannien nach Wort verrechnet, auch dort wird diese Verrechnung natürlich von den Berufsverbänden unterstützt.

 

  • Leopold Decloedt: Wie bereits oben erwähnt, werden in Österreich beide Methoden verwendet. Dennoch glaube ich, dass die Methode des Zeilenpreises immer noch am meisten verwendet wird. Das könnte u.a. den Grund haben, dass viele ÜbersetzerInnen befürchten, mit der Wort-Methode „reingelegt“ zu werden. Diesbezüglich kann ich aber alle ÜbersetzerInnen beruhigen. Bevor wir von Zeilenpreis auf Wortpreis gewechselt haben, haben wir anhand tausender Seiten die Preise vergleichen, durchgerechnet etc.  Am Ende des Tages kommt für die ÜbersetzerInnen dasselbe raus. 


Welche Methode ist Ihrer Meinung nach für die ÜbersetzerInnen vorteilhafter bzw. ergibt sich aus den unterschiedlichen Verrechnungsmethoden ein Preisunterschied für die Übersetzung?

 

  • Edith Vanghelof: Ich kann nicht sagen, ob es einen Preisunterscheid gibt, aber es könnte natürlich sein. Insgesamt ist es natürlich so, dass sich je nach Sprachenpaar und Verrechnungskonventionen (z.B. nach Zieltext vs. nach Ausgangstext) unterschiedliche Textlängen ergeben und damit auch der Preis beeinflusst wird.

 

  • Leopold Decloedt: Aus meiner Sicht gibt es keinen Unterschied. Nur möchte ich noch festhalten, dass es in Österreich und auch in allen anderen Ländern bis heute so ist, dass für beglaubigte Übersetzungen immer nach Zeilenpreis in der Zielsprache verrechnet wird. Das macht auch Sinn, denn bei beglaubigten Übersetzungen wird ja nicht nur der reine Text übersetzt, sondern müssen auch z.B. Informationen über den Stempel (Siegel, Wappen etc.) dazu geschrieben werden, müssen Unterschriften vermerkt werden und sind in vielen Fällen auch erklärende Fußnoten bzw. Anmerkungen notwendig. Beglaubigte Übersetzungen sind daher die einzige Art von Übersetzungen, die wir bei Connect-Sprachenservice GmbH immer noch nach Zeilen in der Zielsprache abrechnen.


Infos zu den Interviewten:

Mag. Edith Vanghelof gründete nach 8-jähriger Tätigkeit als In-house Übersetzerin der Wiener Börse 1998 das auf Finanzübersetzungen spezialisierte Übersetzungsbüro CAMELS - Capital Markets English Language Services mit Sitz in Wien und ist seither in diesem Bereich tätig.
 

Dr. Leopold Decloedt, 1964 in Ostende (Belgien) geboren, ist Inhaber des EN 15038 zertifizierten Übersetzungsbüros Connect-Sprachenservice GmbH mit Sitz in Wien und Zweigniederlassungen in Gent (Belgien) und Regensburg und verfügt über jahrelange Erfahrung als freiberuflicher Übersetzer für Deutsch-Niederländisch.
 

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